Ich renne und renne… durch viele Wälder renne ich… an vielen Bäumen vorbei, über viele Wasserläufe hinweg… renne ich und renne…. Plötzlich stürze ich einen grossen Felsen hinab… ich falle, schlage auf, rolle, falle wieder, schlage wieder auf und pralle dann mit dem Kopf gegen einen großen Stein…. es wird dunkel… ich bleibe liegen… ich blute aus einer grossen Wunde am Bein und aus einer Platzwunde am Kopf…. ich liege und bin bewusstlos….
.: Der Neuanfang :.
Ich öffne meine Augen, sehe durch einen roten Schleier hindurch zwei fremde Mädchen. Sie machen irgendwas mit mir, ich habe keine Ahnung was sie machen. Ich fühle mich Urtelend. Es wird wieder dunkel um mich, ich werde wieder ohnmächtig.
Kurze Zeit später wache ich wieder auf. Ich merke das ich auf einer harten Oberfläche liege. Ich liege auf dem Rücken – ich bin nackt. Das eine Mädchen neben mir merkt wohl, das ich langsam wieder zu mir komme, sie sagt irgendetwas das sich wie “fressen” anhört, ich verstehe sie nicht oder ich begreife ihre Worte noch nicht.
Mein Schädel dröhnt unter massiven Glockenschlägen. Ich spüre einen pochenden Schmerz am rechten Oberschenkel. Eines der Mädchen, eine sehr kleine, dunkelhäutige Wilde mit merkwürdigem Schmuck im Gesicht, macht irgendwas mit meinem Bein. Die Andere, auch eine dunkelhäutige aber mit weniger Schmuck und auch deutlich weniger Kleidung, scheint mir die Brust und die Arme zu verbinden. Nun weiss ich, das ich wohl verletzt aber in Sicherheit bin. Warum sollte mich jemand verbinden, der Böses von mir wollte?
Ich merke wie ich wieder wegdämmere, eine erneute Ohnmacht kommt über mich. Diesmal ist sie nur kurz und ich wache bald wieder auf. Ich merke, daß die Schmerzen im Oberschenkel merklich nachgelassen haben, gleichzeitig spüre ich auch eine undefinierbare, saure Masse im Mund und spucke sie aus. Es war ein Kandablatt, das mir wohl eines der Mädchen in den Mund geschoben hatte.
Ich versuche zu verstehen, was die beiden Mädchen sagen und ich frage: “Wo…. wer….?”. Die Worte wollen wohl noch nicht so wie ich will. Eines der beiden Mädchen, es ist die kleinere, Schmuck behangene, lächelt mich an und sagt etwas, ich versuche genau hinzuhören um es zu verstehen. Sie sagt irgendetwas das klingt wie “Akina” und “machen heile wieder”. Ich nicke nur und bereue es schon gleich wieder, weil die Glocken in meinem Kopf einen nächtlichen Mondtanz aufzuführen scheinen.
Die kleine Wilde, sie scheint wohl Akina zu heissen wenn ich das richtig verstanden habe, zeigt mir eine Nadel und einen Faden und zeigt dann auf mein Bein und sagt irgendwas das so klingt wie “nähen machen heile”. Ich bekomme von ihr wieder ein Kandablatt in den Mund gesteckt und ich versuche mich zu entspannen, damit es nicht ganz so weh tut, wenn das Mädchen die Wunde näht.
Nach einiger Zeit, beide Mädchen haben mich inzwischen mit erstaunlich sauberen Tüchern verbunden, versuche ich langsam aufzustehen und stütze mich dabei auf die kleine Wilde die mich genäht hat auf. Jede Bewegung löst wieder ein wahres Höllen-Konzert an Glockenschlägen in meinem Kopf aus und ich stöhne leise vor Schmerz. Akina schaut mir besorgt ins Gesicht und fragt: “Akina machen heile. alles gut? Yebo.”. Ich versuche ein kleines, verkrampftes Lächeln, schüttle ganz vorsichtig den Kopf und versuche ihr mit wenigen Worten klar zu machen, das ich ganz furchtbare Kopfschmerzen habe. Sie hält mir ein weiteres Kandablatt hin, das ich mir dann auch gerne in den Mund schiebe um darauf herumzukauen.
Dann fragt mich Akina auf einmal: “Wie Name? Woher du kommen?”. Ich schaue sie an und versuche mich zu erinnern…. bis mir auf einmal die furchtbare Tragik dieses Sturzes klar wird: Ich weiss nicht wer ich bin oder woher ich komme. Ich habe vergessen wer ich bin! Akina schaut mich erwartungsvoll an und ich kann nur wieder vorsichtig den Kopf schütteln und sage leise: “Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht wer ich bin.”.
Das Mädchen das mich stützt und mit dem ich langsam aus der Höhle in der ich lag und in der ich verarztet wurde, ins Freie komme, schaut mich argwöhnisch an und fragt ungläubig: “Du nicht wissen?”. Ich stöhne auf und eine Träne läuft mir die Wange herunter. Ich versuche mich verzweifelt zu erinnern, aber alles was ich sehe sind Bilder, unzusammenhängende Bilder von Bäumen, Wälder, Flüsse und auch Gesichter, verschwommene Gesichter mit denen ich nichts, absolut gar nichts anfangen kann.
Wir erreichen langsam gehend ein Lagerfeuer unter freiem Himmel, eingeschlossen mit Felsen und Hütten und ich setze mich vorsichtig auf einen Baumstumpf am Feuer. Die Wunde am Bein pocht unter dem Verband und der Kopf dröhnt immernoch als ob ein Bosk innen drin immer wieder gegen die Schädeldecke anrennt.
Akina setzt sich vor mich auf den Boden und schaut mich mitfühlend an als ich wieder unter den Kopfschmerzen stöhne. Ich spucke das Kandablatt aus und versuche mich nochmal auf irgendeine Erinnerung zu konzentrieren, aber da ist nichts.
Das Mädchen steht auf und ich folge ihr mit den Augen. Sie geht zu einer Hütte, holt ein Stück Fisch und… meine Augen werden groß und ich muss ungläubig schlucken… einen blanken Menschenschädel aus dem frisches Wasser schwappt. Sie reicht mir beides und ich ziehe meine Hände vor dem Schädel furchtsam wieder zurück. Sie stellt den Schädel neben mich auf den Boden, während ich beginne, langsam Teile aus dem Fisch zu zupfen und zu essen.
Plötzlich steht ein anderes Mädchen vor mir. Es ist genauso klein und dunkelhäutig und mit ebensolchem merkwürdigem Schmuck behangen wie Akina. Sie mustert mich misstrauisch und argwöhnisch. Als sie den Fisch sieht, verzieht sie angewidert das Gesicht, rennt zu einem Busch und beginnt den Busch mit ihrem Frühstück zu beglücken. Als sie damit fertig ist, dreht sie sich wieder zu mir um, bleibt aber auf Entfernung stehen. Sie sagt: “Sagen wenn fertig, dann Floh kommen”. So wurde ich mit Floh bekannt gemacht.
Als ich mit dem Fisch fertig bin, gebe ich den Rest an Akina zurück, die ihn wieder in einem Fass in einer Hütte verstaut. Ich schaue dann Floh an und nicke ihr zu. Sie kommt langsam auf mich zu, immernoch misstrauisch beäugend und die Nase in meine Richtung erhoben, schnuppernd.
Als sie vor mir steht, überragt sie mich nur ein kleines bisschen und ich sitze auf einem Baumstumpf. Sie zeigt mit dem Finger auf mich und sagt: “Du riechen wie weisse Frau von grosse Wald hinter Stein auf Stein! Du nicht Mamba sein! Wer du sein?”.
Ich schlucke und sage dem neuen Mädchen, das ich nicht weiss wie ich heisse oder woher ich komme. Sie schaut mich genauso ungläubig an wie Akina zuvor und ich erzähle leise und langsam wie ich hier im Lager aufgewacht bin. Floh schaut mich dabei mitfühlend an und sagt dann: “Du werden wieder heil. Du wieder wissen wer du sein. Du sehen, yebo!”
Ich kann mir ein kleines, schmerzverzerrtes Lächeln nicht verkneifen und frage das Mädchen: “Was bedeutet dieses ‘yebo’?”. Sie schaut mich mit ihren großen Augen an und sagt dann: “Yebo sein so viel wie Aiii in Sprache von grosses, weisses Weiblein.”. Ich muss dann doch leise Kichern als ich sie so höre und ich komme nicht umhin, grosse Sympathie für diese einfachen Waldmenschen zu empfinden.
Nach einiger Zeit kommt noch ein weiteres Mädchen hinzu. Akina stellt sie mir als die weise Stammesmutter vor. Auch hier beginnt sogleich das gleiche Ritual. Ich werde beschnuppert, mit Argwohn und Misstrauen betrachtet und als ich meine Geschichte erzähle und Akina diese auch bestätigt, ist sie ganz freundlich zu mir und erzählt mir von dem Stamm und dem Leben im Wald.
Nach einigen Stunden des Sitzens am Lagerfeuer, des Geschichten hörens und des verzweifelt versuchen mich zu erinnern, komme ich zu dem Schluss, daß ich es nicht hätte besser treffen können. Ich war in Sicherheit und von vielen lieben Menschen umgeben. Aus einem Impuls heraus frage ich die Stammesmutter, ob ich einige Zeit bleiben dürfe, da ich ja doch nicht weiss wer ich bin und vorallem, wo ich hingehen sollte.
Die Stammesmutter schaut mich freundlich an und sagt dann: “Yebo. Ich dein Blut schmecken. Ich sehen du krank oder du böse, dann du gehen. Ich sehe du gut, Du bleiben, Yebo”. Mir ist nicht ganz geheuer was sie damit meint, mein Blut zu schmecken. Sie kommt auf mich zu und hockt sich vor mich hin und sagt: “Gib Arm!”. Ich strecke meinen Arm aus und reiche Ihr so meine Hand und sie schnuppert an meinem Oberarm, bis sie eine Stelle findet die ihr zu gefallen scheint. Sie beisst mit ihren Eckzähnen vorsichtig zu, durchdringt nur ein kleines bisschen die Haut am Oberarm und saugt einen Tropfen Blut aus der kleinen Wunde.
Nach kurzer Zeit des Schmeckens sagt sie dann: “Ich schecken. Du nicht böse. Du bleiben. Yebo!”.
Kurze Zeit später Kommen noch einige andere Mädchen und ein grosser Mann dazu. Vor diesem Mann habe ich zuerst eine grosse Angst und will ihn nicht in meine Nähe lassen. Allerdings scheint der Geruch eines Menschen für die Mambas sehr wichtig zu sein, weshalb er auch an mir schnuppern will. Er kam sehr nahe an mich heran und versuchte an meinem Hals zu riechen. Ich drehe meinen Kopf weg und wehre ihn mit den Händen ab. Er beginnt zu knurren wie eine in die Enge getriebene Urt, weshalb ich ihn dann doch langsam an mich heran lasse.
So wurde ich in den Stamm der Mambas aufgenommen und darf mich nun eine Igazi Umunwe Nandre nennen, was soviel bedeutet wie eine Pledge bei den Jägerinnen des Waldes.

